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Jun 30

Ugg over the knee socks

Das Wohnzimmer von Helene Niemann gleicht einem kleinen Postamt. Neben dem Laptop auf dem Tisch liegen fein säuberlich sortiert Adressaufkleber und Briefmarken. Auf dem Boden stapeln sich Briefumschläge, Kartons, Packpapier und Klebeband. Daneben befindet sich ein Regal, vollgestopft mit unterschiedlichsten Gegenständen: CDs, Bücher, Kleidungsstücke, ein Sektkühler, eine bunte Tagesdecke. Eine nackte Kleiderpuppe ohne Kopf steht mitten im Raum. „Die habe ich mir gekauft, damit ich an ihr Anziehsachen fotografieren kann“, sagt Niemann. Sie kniet vor der Puppe, um ihr ein paar Pumps anzuziehen.

Seit gut einem Jahr ist Helene Niemann dem Verkaufsrausch verfallen. Unter dem Namen Shopoholic Girl verhökert sie bei dem Internet-Auktionshaus Ebay alles, was sie nicht mehr braucht. „Je besser der Markenname, desto mehr bekommt man noch“, sagt sie, während sie ein Foto von den Füßen der Puppe schießt, die jetzt in grauen Chanel-Schühchen stecken. Mehrmals in der Woche verschickt Shopoholic Girl Pakete mit ihren abgelegten Sachen in die ganze Welt. Mit dem Verkauf verdiente die 35-jährige Autorin schon ein kleines Vermögen. „Da liegt doch bares Geld in jeder Wohnung rum“, sagt sie. Selbst einen Stuhl mit drei Beinen, der jahrelang im Keller stand, habe sie schon versteigert. Und als Redakteurin würde sie beispielsweise ständig Bücher als Rezensionsexemplare bekommen. „Allein die 15 Bücher pro Woche bringen mir einige Hundert Euro zusätzlich im Monat.“ Als das erste Geld durch Internetverkäufe auf ihrem Konto eingegangen war, sei sie mit dem „Ebay-Virus“ infiziert gewesen.

„Ebayen“ als Zweitjob ist zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden. Allein in Deutschland gibt es inzwischen 14,5 Millionen aktive Ebayer. Alle dreißig Sekunden wird eine Jeans und eine Damenhandtasche verkauft, jede Minute neun Paar Damenschuhe und alle zwei Minuten ein Baum. Auf dem Online-Marktplatz zu kaufen und verkaufen liegt im Trend. Das weiß auch Udo Pipper, Experte für Internetverkäufe. „Es geht um das Jagen, Sammeln, Tauschen“, sagt er. Früher bekam der beste Jäger die höchste Anerkennung, heute der, der Marken und Brands zur Schau tragen könne. Internetshopping von der Couch als Ersatz für den Broterwerb mit Pfeil und Bogen?

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